SDG Blog #7: SAUBERE ENERGIE

Ulrike/ September 4, 2021/ SDG/ 4Kommentare

Email von Herrn Spengler (Name geändert): „Sehr geehrte Frau Jung, ich hoffe, es geht Ihnen gut. Sind Sie noch im Homeoffice? Wir haben ein tolles i3 Leasing Angebot. Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich jederzeit gerne, und wir stellen eine auf Ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lösung zusammen. …..“. Herr Spengler weiß nicht, dass ich mein Auto kurz vor der Pandemie verkauft habe, um ein Auto-frei Leben auszuprobieren. Trotzdem habe ich ihn vor zwei Jahren gebeten, sich immer mal wieder zu melden, wenn es etwas Neues gibt. In Wahrheit unterhalte ich mich gerne mit ihm über alternative Antriebe, insbesondere über Brennstoffzellen und Wasserstoff. Denn er vertritt eine Automarke, die noch ernsthaft technologie-offen ist und nicht gerade alles auf die Batterie-Karte setzt. Im Übrigen bin ich überzeugt, dass Wasserstoff-Mobilität sauberer ist als Elektromobilität. Jetzt wo ich das schreibe, komme ich ins Grübeln. Woher nehme ich diese Überzeugung? Hat sie damit zu tun, dass die Wasserstoff-Technologien futuristisch daherkommen, dass Wasserstoff energetische Unabhängigkeit verspricht (ich bin ein freiheitsliebender Mensch …), dass die europäische Wasserstoff-Wirtschaft von einer überwältigenden Aufbruchstimmung umgeben ist, dass ich im Fall der Elektromobilität bolivianische Lithium-Mienen und Kinderarbeit vor Augen habe? Wahrscheinlich alles zusammen. Und damit scheitere ich grandios an meinen eigenen Prinzipien, nämlich niemals Gefühle und Halbwahrheiten über die Fakten zu stellen. Gehen wir der Sache also auf den Grund. Was ist „saubere Energie“? Energie ist umso sauberer, je mehr sie aus erneuerbaren Quellen stammt (Wind, Sonne, Wasser). Tatsächlich aber gibt es eine ganze Menge Zwischentöne. Und es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Wasserstoff ist dann sauber / grün, wenn die gesamte Energie zur Herstellung des Wasserstoffs (Spaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff) aus Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft kommt. Wasserstoff kann auch aus Erdgas hergestellt werden. Auch wenn die Energie dafür aus erneuerbaren Quellen kommt, ist dieser Wasserstoff nicht grün. Denn Erdgas gilt als fossil / nicht erneuerbar, und in dem Prozess entsteht außerdem molekularer Kohlenstoff, der irgendwo hinmuss. Man spricht dann von türkisem statt grünem Wasserstoff.  

Wie ist es beim Strom? Strom ist dann sauber, wenn er vollständig aus erneuerbaren Energiequellen stammt. Eigentlich logisch. Doch das ist nicht bei jedem Stromanbieter, der „Ökostrom“ anbietet, der Fall. Der Grund ist der Handel mit sogenannten RECS-Zertifikaten. RECS steht für Renewable Energy Certificate System (Erneuerbare Energie Zertifikate System). Diese Zertifikate funktionieren wie Ablassbriefe, mit denen sich Anbieter „reinwaschen“ können. Ein Beispiel: Der Stromanbieter eines deutschen Nachbarstaats produziert sauberen Strom aus Sonnenenergie. Dafür erhält er RECS-Zertifikate, die er an einen deutschen Stromanbieter verkauft. Die RECS-Zertifikate ermöglichen es dem deutschen Stromanbieter nun, am Markt Ökostrom anzubieten, obwohl er selbst vielleicht gar keine eigenen Ökostromanlagen betreibt. Erst wenn der von den Kunden nachgefragte Anteil an Ökostrom insgesamt signifikant steigt, erreichen die RECS-Zertifikate Preise, die den Ausbau erneuerbarer Energien anreizen.

Wasserstoff- und Elektromobilität können also beide sauber sein, nämlich dann wenn die Energie zur Herstellung von Wasserstoff bzw. die Elektrizität vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt. Das Wettrennen entscheidet sich wohl auf der Ebene der eingesetzten Technologien und deren Auswirkungen auf Klima, Mensch und Umwelt. Die sauberste Energie ist übrigens die Energie, die man nicht verbraucht. Das Auto-freie Leben klappt ganz gut und ich bin noch nicht rückfällig geworden. Aber nur, weil mich die Menschen in meinem Umfeld unterstützen und im Notfall (Großeinkauf, Wolkenbruch, …) einspringen. – Eure Astrid mit einem Video-Tipp: Gute Nachrichten vom Planeten: Saubere Energie | Doku | ARTE – YouTube

4 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    eine sehr spannende Abhandlung zur Energie.
    Mir ist die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungsketten wichtig. Energie muss über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg „sauber“ sein. Da frage ich mich z.B.: Wie sieht es aus mit der Recycle-Fähigkeit von Solarzellen, Rotorblättern oder Batterie-Elektroden?
    Ansonsten glaube ich, dass wir als Einzelpersonen im Moment mehr erreichen, wenn wir uns überlegen, wo wir Energie sparen können im Sinne von „die sauberste Energie ist übrigens die Energie, die man nicht verbraucht“. Standby Geräte, Licht ausmachen.. das sind kleine Dinge, aber multipliziert mit 80 Mio BürgerInnen auch ein guter Start.
    Schönen Gruß
    Jochen

  2. Wie sieht es aus mit der Recycle-Fähigkeit von Solarzellen, Rotorblättern oder Batterie-Elektroden?

    Diese Frage habe ich der EAM Photovoltaik-Abteilung gestellt. Bisher aber noch keine Antwort erhalten ;-).

    1. Liebe Karin, vielen Dank für die Frage! Ich werde per Kommentar im Blog von Ulrike eine Antwort versuchen. Viele Grüße aus Neustadt, Astrid

  3. Liebe Karin, super Frage! Da saubere Energie von vorne bis hinten sauber sein muss, habe ich mich in den letzten Monaten sowohl mit der Frage nach den Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in den Rohstoff abbauenden Ländern (Lithium in Bolivien) als auch mit verschiedenen End-of-life Szenarien für “grüne” Technologien beschäftigt. Elektroden sind im Wesentlichen ja Katalysatoren. Hier bestehen technische Lösung zur Wiedergewinnung und Aufarbeitung. Mit dem Recycling von Solarzellen beschäftigen sich zur Zeit die großen Recycler wie Veolia. Was mit einer Windkraftanlage nach Rückbau und ggf. Zerlegung passiert – es handelt sich hier ja um riesige Materialberge, habe ich nicht rausfinden können. Auch wenn es technische Ansätze zum Recycling der in “grünen” Technologien verbauten Materialien gibt, sie stecken alle noch in den Kinderschuhen. Denn es fehlen die wirtschaftlichen Anreize für die Weiterentwicklung. Der Rückbau wird immer noch nicht ausreichend in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung berücksichtigt. Es gibt keinen klaren gesetzlichen Rahmen (Bürokratie Dschungel) und wenig best practice Beispiele,

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